Nicolas Baeriswyl ist unabhängiger Berater für Finanzen und Vorsorge. Sein Fokus liegt auf strukturierter Finanzplanung mit dem Ziel, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen und fundierte Entscheidungen zu ermöglichen. Er berät Kundinnen und Kunden fliessend auf Deutsch, Französisch und Englisch.
Erschienen in: True Impact – Impulsgeber der Wirtschaft, Beilage in der Finanz und Wirtschaft, 6. Juni 2026 · Brand Focus · Finanzen und Vorsorge, Seite 24
Herr Baeriswyl, viele Menschen schieben das Thema Pensionierung lange vor sich her. Warum ist das ein Fehler?
Weil die Pensionierung für viele Menschen eine der grössten finanziellen Veränderungen im Leben ist. Trotzdem wird sie oft erst kurz vor dem Rücktritt konkret thematisiert. Dann ist der Handlungsspielraum meist deutlich kleiner. Wer früh plant, kann Steuern optimieren, Einkommenslücken erkennen, Vorsorgegelder gezielt einsetzen, Hypothekarstrukturen vorbereiten und auch emotional besser in den neuen Lebensabschnitt starten. Meine Erfahrung aus fast 20 Jahren Beratung zeigt: Wer weiss, was auf ihn zukommt, kann der Pensionierung gelassener und mit mehr Selbstvertrauen entgegensehen.
Was ist aus Ihrer Sicht der grösste Irrtum rund um die Pensionierungsplanung?
Viele glauben, es gehe lediglich darum zu wissen, wie hoch AHV- und Pensionskassenrenten ausfallen oder ob man besser Rente oder Kapital beziehen soll. Das ist zu kurz gedacht. Eine gute Finanzplanung beantwortet viel mehr Fragen: Reicht mein Vermögen langfristig? Wann brauche ich Liquidität? Was passiert bei einem vorzeitigen Rücktritt aus dem Erwerbsleben? Sind AHV-Beiträge als nichterwerbstätige Person geschuldet? Wie entwickeln sich Steuern, Einkommen und Vermögen? Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Übergabe der Liegenschaft oder der eigenen Firma? Eine gute Planung beginnt nicht nur mit Zahlen, sondern mit der Frage, wie jemand leben möchte.
Finanzplanung ist eine mehrperspektivische Analyse. Sie berührt Sicherheit, Freiheit, Familie, Gesundheit, Wohnen, Lebensqualität und die passende Anlagestrategie. Sie ist auch keine Momentaufnahme. Sie verbindet Einkommen, Vermögen, Vorsorge, Steuern, Lebensstandard, familiäre Situation und persönliche Ziele zu einem belastbaren Gesamtbild. Weil sich Märkte, Gesetze und Lebensumstände verändern können, sollte eine Finanzplanung regelmässig überprüft werden. Besonders wichtig ist dies bei Ereignissen wie Heirat, Scheidung, Erbschaft, Immobilienkauf, Selbständigkeit, Firmenverkauf oder gesundheitlichen Veränderungen.
Welche Rolle spielt dabei Wohneigentum?
Eine sehr grosse. Das Eigenheim ist emotional wichtig, finanziell aber oft auch ein bedeutender Risikofaktor. Viele unterschätzen, dass sich die Tragbarkeit im Rentenalter verändert. Der Lohn fällt weg und wird durch Renteneinnahmen oder Kapitalverzehr ersetzt. Die Bank beurteilt die Finanzierung neu. Gleichzeitig können Unterhalt, Renovationen oder energetische Sanierungen anstehen. Deshalb sollte früh geklärt werden, ob die Hypothek langfristig tragbar bleibt, ob eine Amortisation sinnvoll und möglich ist, wie viel Liquidität reserviert werden muss und ob das Eigenheim auch im höheren Alter noch zur Lebenssituation passt. Manchmal ist der Verbleib im Eigenheim die richtige Lösung. In anderen Fällen können eine Verkleinerung, eine Übertragung an die nächste Generation, ein Wohnrecht oder eine Nutzniessung sinnvoller sein. Solche Fragen sollten generell nie isoliert betrachtet werden, sondern immer zusammenhängend und umfassend.
Wann sollte man spätestens mit einer seriösen Planung beginnen?
Idealerweise zehn bis zwanzig Jahre vor der Pensionierung. Spätestens ab 55 sollte man das Thema systematisch und vertieft angehen. Dann lassen sich wichtige Weichen noch stellen, etwa Pensionskasseneinkäufe, Staffelung der Vorsorgebezüge, Amortisationen oder die Planung eines gleitenden Übergangs in die Pensionierung. Wenn jemand weiss, dass bis zur Pensionierung noch CHF 50’000 angespart werden sollten, ist das über zehn Jahre realistischer als in zwei Jahren. Dennoch wehre ich mich gegen starre Altersgrenzen. Vorsorge darf bereits junge Erwachsene beschäftigen. Optimierbar ist fast immer etwas.
Welche Punkte werden besonders oft unterschätzt?
Vor allem die Steuerfolgen, die Einkommensveränderung nach der Erwerbsphase und die langfristige Tragbarkeit des gewohnten Lebensstandards. Mit der Pensionierung entfallen die regelmässigen Lohneinnahmen. Renten, Kapitalbezüge, Vermögenserträge und Entnahmen müssen plötzlich so aufeinander abgestimmt werden, dass Steuern, Lebenshaltungskosten, geplante Investitionen und unerwartete Ausgaben tragbar bleiben. Eine gute Finanzplanung zeigt deshalb nicht nur, ob eine Pensionierung finanzierbar ist. Sie zeigt auch, welche Entscheide wann zu treffen sind und welche Massnahmen Priorität haben. Damit wird aus Unsicherheit ein konkreter Fahrplan und letztendlich Klarheit.
Oft unterschätzt werden auch die langfristigen Auswirkungen von Teilzeitpensen. Gerade bei Ehepaaren oder Lebensgemeinschaften können sich dadurch neue Möglichkeiten ergeben. Beispielsweise bei Pensionskasseneinkäufen oder bei der Abstimmung von Erwerbseinkommen, Vorsorge und Steuern. Ebenso wichtig ist, dass gewisse Fehlentscheide kaum mehr korrigierbar sind. Wer sich für einen Kapitalbezug entscheidet, trifft einen definitiven Entscheid. Deshalb sollten verschiedene Szenarien sauber gerechnet und miteinander verglichen werden. Am Ende entscheidet nicht nur die Mathematik, sondern auch das persönliche Sicherheitsgefühl. Das ist meines Erachtens auch legitim. Nicht jede Person fühlt sich wohl damit, im Ruhestand ein grösseres Kapital eigenverantwortlich zu verwalten. Auch die Langlebigkeit wird unterschätzt. Eine Pensionierung kann zwanzig, dreissig oder mehr Jahre dauern. Gesundheit, Pflegebedarf und ein allfälliger Vorsorgeauftrag sollten deshalb nicht ausgeblendet werden.
Weshalb ist die Planung bei Paaren und Familien anspruchsvoller als bei Alleinstehenden?
Weil es bei Paaren und Familien nicht nur um Einzelpersonen geht. Ehepaare, eingetragene Partnerschaften, Konkubinatspaare und Patchworkfamilien haben unterschiedliche rechtliche, finanzielle und emotionale Ausgangslagen. Deshalb müssen Absicherung, Erbfolge, Wohneigentum und Verantwortung gegenüber nahestehenden Personen sorgfältig geklärt werden. Bei Konkubinatspaaren besteht oft der Irrtum, eine langjährige Lebensgemeinschaft führe automatisch zu ähnlichen Rechten wie eine Ehe. Das ist nicht der Fall. Ohne klare Regelungen kann der überlebende Partner oder die überlebende Partnerin erbrechtlich ungenügend abgesichert sein. Gleichzeitig können durch unkoordinierte Vermögensübertragungen andere Personen benachteiligt werden, etwa Kinder aus einer früheren Beziehung. Bei Patchworkfamilien ist die Koordination besonders wichtig, damit niemand unbeabsichtigt leer ausgeht. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Kundschaft, Finanzplaner und Notar hilft, Vorsorge, Erbrecht und Finanzen sinnvoll aufeinander abzustimmen.
Warum reicht es nicht, einfach den Vorsorgeausweis anzuschauen?
Weil der Vorsorgeausweis nur einen Teil des Bildes zeigt. Die eigentliche Herausforderung liegt im Zusammenspiel von AHV, Pensionskasse, Säule 3a, Vermögen, Steuern, Immobilien, Hypotheken, Lebenshaltungskosten und geplanten Ausgaben. Die Kunst liegt darin, aus diesen Elementen eine tragfähige Strategie zu entwickeln, die mit den Erwartungen und Zielen der Kundin oder des Kunden übereinstimmt. Viele Menschen stehen hier vor Fragen, die ohne fachliche Begleitung nur schwer vollständig zu beurteilen sind. Gesetze, Gestaltungsmöglichkeiten und langfristige Wechselwirkungen sind komplex und ändern sich häufig. Häufige Fehler entstehen genau dort: Menschen treffen unumkehrbare Entscheide, etwa Kapitalbezüge oder Frühpensionierungen, aufgrund von Annahmen oder Empfehlungen aus dem Umfeld, ohne die Folgen fundiert analysiert und berechnet zu haben. Jede Situation ist anders und muss selbstständig betrachtet werden. Da sind Stammtisch-Empfehlungen oft nicht sehr hilfreich.
Was ist bei Frühpensionierung oder Teilpensionierung wichtig?
Eine Frühpensionierung oder eine gestaffelte Pensionierung kann möglich und sinnvoll sein, ist aber mit Kosten verbunden. Ein früherer Rücktritt bedeutet tiefere Pensionskassenleistungen, längere Vermögensentnahmen, mögliche AHV-Beiträge als nichterwerbstätige Person und auch steuerliche Auswirkungen. Deshalb sollten verschiedene Szenarien gerechnet werden. Auch Möglichkeiten wie eine Weiterversicherung in der Pensionskasse oder ein schrittweiser Rückzug aus dem Erwerbsleben sind zu prüfen. Eine Teilpensionierung kann eine elegante Lösung sein, um sich langsam an den neuen Lebensabschnitt zu gewöhnen. Sie hat aber finanzielle Folgen, die man kennen sollte.
Sie begleiten auch Unternehmerinnen und Unternehmer. Was empfehlen Sie dort?
Bei Unternehmerinnen und Unternehmern ist die Pensionierungsplanung oft komplexer. Das Vermögen ist teilweise im Betrieb und teilweise privat gebunden. Ein gutes Gleichgewicht zwischen Lohn, Dividenden, Pensionskassenlösung, Liquidität und Steuerbelastung ist zentral. Gerade in der beruflichen Vorsorge gibt es für Unternehmerinnen und Unternehmer sowie für ihr Personal interessante Gestaltungsmöglichkeiten. Dazu gehören Kadervorsorgelösungen oder, bei entsprechenden Voraussetzungen, sogenannte 1e-Pläne. Dabei ist zu prüfen, ob Lohnstruktur, Risikofähigkeit, Steuerplanung und langfristige Strategie zusammenpassen. Eine abgestimmte Vorsorgelösung kann zudem ein Instrument zur Bindung von Kaderpersonen und Schlüsselmitarbeitenden sein. Sie kann auch dazu beitragen, eine Nachfolgeplanung frühzeitig und steuerlich sinnvoll vorzubereiten.
Was zeichnet Ihre Beratung aus und welches Ziel verfolgen Sie bei Ihren Kunden?
Ich lege grossen Wert auf eine unabhängige, ehrliche und verständliche Gesamtanalyse. Es geht nicht darum, möglichst rasch eine Lösung zu verkaufen, sondern Transparenz zu schaffen. Meine Kundinnen und Kunden sollen verstehen, wo sie stehen, welche Optionen sie haben und welche Konsequenzen einzelne Entscheide auslösen. Gerade vor der Pensionierung braucht es keine Verkaufsrhetorik und keine Produkteliste, sondern Klarheit, Erfahrung und saubere Planung. Dabei geht es nicht nur um Zahlen. Es geht darum, Zahlen mit den Wünschen, Lebenszielen und Sicherheitsbedürfnissen der Kundschaft in Einklang zu bringen. Dafür braucht es vor allem eines: gutes Zuhören. Mein Ziel ist, dass Menschen ihrer Pensionierung mit mehr Ruhe und Sicherheit entgegensehen können. Wer seine Zahlen kennt und einen klaren Plan hat, trifft bessere Entscheidungen. Dann wird die Pensionierung nicht zum Unsicherheitsfaktor, sondern zu einem bewusst gestalteten neuen Lebensabschnitt.
Baeriswyl Beratungen erbringt unabhängige und auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Dienstleistungen in den Bereichen Finanzplanung und Vorsorge. Im Zentrum steht eine neutrale, transparente und verständliche Beratung, welche die individuelle Lebenssituation der Kundinnen und Kunden ernst nimmt. Das Unternehmen begleitet Privatpersonen, Familien, Selbständige sowie Unternehmerinnen und Unternehmer bei wichtigen finanziellen Entscheidungen, von Finanz- und Pensionierungsplanung über Vorsorgeanalyse, Steueroptimierung, Pensionskassenplanung, Säule 3a, Immobilienfinanzierung und Vermögensstrukturierung bis zur Prüfung individueller Vorsorge- und Kadervorsorgelösungen.
